Warum ich überhaupt im Vortrab dieses Jahr mit dabei war ist mir bis heute nicht ganz klar. Ich habe gar nichts dafür getan, aber halt auch nichts dagegen. Die Idee entstand am Gönnerapéro vom letzen Jahr, an welchem ich aber gar nicht war...? Jetzt erst wird mir bewusst, wie fremdbestimmt ich überhaupt durch mein Leben schreite, oder geschreitet werde... Um die Schuldfrage gleich zu klären: Schuld daran ist eigentlich Judith, denn sie hat mich da einfach mit integriert, obwohl die Idee ursprünglich von meinen Vortrab-Schwestern Susii und Beekay kam. Aber warum auch nicht, so sagte ich zu, ohne genau zu wissen, auf was ich mich einlasse.
Es folgte eine Sitzung und die Besprechung, wie denn unser Vortrabs-Mobil so aussehen soll und was es alles können muss. Simi übernahm den Bau dieses Wagens und unsere Aufgabe war es schliesslich, diesen noch zu bemalen. Diese Arbeit übernahmen wir kreativ veranlagten Schwestern natürlich gerne, auch wenn jeder Strich den wir auf den weiss grundierten Wagen machten, einem Kratzer in Simi’s Herzen gleichkam (oder vielleicht gerade deswegen :-) ). So entstand unser abschliessbares Alters- und Pflegeheim Mobil mit integrierter Kafe-Luz-Bar, Schirmfach, Bodenbeleuchtung, Bremse und Flügeltüren.
Ein Alters- und Pflegeheim gab es, da das Motto dieses Jahr „AHV Waggis“ war. Der Vortrab bestand aus Pfleger der alten Waggis, die heissen Krankenschwestern quasi... wobei es nicht sooooo ganz klar war, ob wir jetzt Schwestern, Pfleger, Ärzte, Chirurgen oder Anhänger vom Orden Fiat Lux (Luz) waren...


Am Sonntag vor dem Montag gab‘s einen Grillplausch und eine Probe, wo wir bereits eingeladen waren. Bei dieser Gelegenheit nisteten wir uns bereits bei der Schwester von Dätz ein (noch eine Schwester!), welche uns groszügig bei sich wohnen liess. Ich will hier ja nicht angeben, wie schön wir es hatten, aber glaubt mir, ich könnte :-).

 
Mentig
Am Montag konnten wir ohne Schwierigkeiten auf den Morgenstreich verzichten und taten dies deswegen auch. Wir fanden uns pünktlich bei Simi und Judith ein, um den Wagen in die Stadt zu schieben. Zum ersten Mal wurde uns bewusst, wie schwer und schwer manövrierbar der Luxus einer eigenen mobilen Kafi-Luz-Bar doch sein kann. Wir sahen darüber hinweg und fuhren in Schlangenlinien zum Gönnerapéro im Keeryy auf welchen wir uns freuten. Zum ersten Mal sahen wir alle im Kostüm und irgendwie fing es da so richtig an.


 
Ja, in jeder Krankenschwester steckt ein Bauer...

 


 
Begeistert bestaunten wir die tolle Deko im Keeryy, die schönen Larven von FunBrAsSEL und spekulierten, wer wohl was genau darstellt. Dätz erklärte das zum Glück dann noch genauer :-).
Ich stellte fest, dass Zoggeli offenbar gar nicht soooo fest Pflicht sind, wie ich es dachte. Es gibt zu dem Problem offenbar auch kreative Lösungen.






 
Gestärkt von Bier und Kääswaaje stand als nächster Punkt schon der Cortége auf dem Plan und man instruierte uns noch über alle ungeschriebenen Regeln, die wir zu befolgen haben. Die Regel die mir am meisten geblieben ist „Die Larve darf während dem Cortége NIEMALS abgezogen werden, egal ob man stirbt oder noch schlimmer, man bekommt Nasenbluten - die Larve bleibt an“. Es war so fest verboten, dass es beinahe schon wieder reizvoll war, es genau deshalb zu tun :-).
Als wir bereit waren, genug geaperöled hatten und den Luz-Wagen mit Heisswasser befüllt hatten, bahnten wir uns gemeinsam, inklusive Luz-Mobil, den indirekten Weg durch die Menschenmenge zu unserem Cortége-Einstigsplatz. Larve auf und hinein mit uns. Mist ich hatte vergessen mir Süssigkeiten in die Tasche zu stecken um diese zu verteilen, so blieben mir nur diese grünen Zettel zum verteilen, die eh niemand will. Relativ schnell bemerkte ich aber, dass diese grünen Zettel ja sogar sehr beliebt sind, dass man sich darum reisst - wo gibt’s denn so was? Und so vortrabten wir so vor uns her und beschäftigten uns bis zur ersten Pause mit Zettel verteilen und Luz-Bar herumschieben. Zum Glück leide ich nicht unter Verfolgungswahn, das wäre bei einem Umzug sicherlich nicht besonders angenehm. Ich könnte schwören, es waren immer die gleichen Leute hinter uns. :-).






 
Die Zeit bis zur ersten Pause verging sehr schnell und wir waren nicht weniger erschöpft als unsere Verfolger.... jaaa dieses Wägeli hatte es so in sich. Aber über was so gutes Wetter und ein Luz zwischendurch alles hinwegsehen lässt... :-).

  


Wir bekamen übrigens schon beim ersten Comité so eine Auszeichnung, die ich eigentlich ehr vom Reitsport kenne. Ob das denn irgendwas bedeute? „Nein, jeder bekommt so eine.“ Aber irgendwie haben sich trotzdem alle sehr darüber gefreut... seltsam.


 
Danach ging es wieder weiter. Vor lauter Umzug habe ich aber irgendwie gar nicht so viel vom Umzug mitgekriegt, man war immer so beschäftigt und es lief immer etwas (vor allem wir).
Abendessen gab es gemeinsam im Ramada Hotel. Auf dem Weg dahin wurde ich darüber aufgeklärt, was gewisse Menschen über die Form des Gebäudes so denken. Also ich sah darin in erster Linie einfach mal ein Gebäude, aber andere sehen darin offenbar ein Phallussymbol – was hingegen erklärt, warum ich darin plötzlich so aufgestellt war.





 
Wir haben sehr gut gegessen, ich weiss zwar nicht mehr was, aber egal. Nach dem Essen zogen wir unsere Runden in Kleinbasel und versuchten, wenn immer möglich, das Wägeli ein bisschen leichter zu machen, in dem wir Luz tranken.



Das Wägeli fuhr ja schon als wir noch nüchtern waren Schlangenlinien, als wir nach ein paar Luz zu schwanken begannen, haben sich unsere Schwankbewegung und die des Wägelis manchmal gegenseitig aufgehoben, so dass wir zeitweise ganz gerade fahren konnten. Unglaubliche Phänomene gibt es in dieser Welt.Später vortrabten und guggenmusikten wir zum Noote-Schysser Jubi-Apéro. Unsere Musiker gaben ein paar Stücke zum Besten. Inklusive unserem diesjährigen Chats-Stürmer „Y will Fasnacht“. Der Text geht etwa so „Schnä-bä-gi-bäh-sgnz joohr... bärä-tsching-bum-schi-do-klooor.... Y will Fasnacht, Basler Fasnacht“.Danach zogen wir noch ein bisschen umher und so nahm der erste Tag offiziell einmal ein Ende und Martina durfte schlafen gehen :-). Das Wägeli wurde deponiert und wem noch nicht nach Schlafen zu Mute war, der sah sich ein paar zwielichtige Keller in Basel ein bisschen genauer an. So konnten wir uns physisch unserem Niveau etwas angleichen. Für alle die dabei waren, dürfte der unnatürlich schielende Blick von Rolf noch immer Grund zum Schmunzeln bieten und den Satz „Wer besoffen einschläft will bemalen werden“ möchte ich hier einfach mal so in den Raum stellen.


 
 
Zyschtig
Am nächsten Tag fuhr uns (3 Vortrab-Schwestern) unsere neue Mama in die Stadt. Wir mussten früher da sein, weil wir noch Wasser aufkochen mussten. Der Kinderumzug stand auf dem Programm heute. Also packten wir unsere Taschen mit Süssigkeiten voll, damit wir ganz viele süsse Kinder damit glücklich machen konnten. Vorfreudig machten wir uns auf den Weg zum Startpunkt und hielten uns in Gedanken die scheuen Kinder vor Augen, wie sie am Strassenrand stehen und sich kaum trauen Süssigkeiten von uns anzunehmen, die grossen respektvollen Augen, die uns anschauen und die Dankbarkeit (danggscheen) die uns jedes Kind entgegenbrach, für jedes noch so kleine Geschenk. „He Waggis, gisch man!“ „He gib man, Waggis.“ Beinahe aus den Taschen gerissen haben sie unsere Süssigkeiten und es als selbstverständlich angeschaut, dass sie welche bekommen. Die heutigen Kinder... als ich noch jung war, war das ganz anders :-). Und ich will ja nicht paranoid wirken, aber ich bin überzeugt, dass wieder die gleichen Leute uns verfolgten, wie am Vortag :-)!
Die Kommunikation mit Larve am Umzug ist an dieser Stelle auch mal zu erwähnen. Frage: „Sölli’s wägeli übernäh?“ Antwort: *kopfnicken* („Ja ich mag scho no es bizeli“). Auch was uns der Tambi mit seiner Zeichensprache immer zeigen wollte? Es ging einem gleich wie beim „Y will Fasnacht“-Song – man wusste, dass etwas gesagt wurde, aber man hatte keinen blassen Schimmer was? Es war faszinierend und verwirrend zugleich. Die beste Reaktion auf die Aufforderungen vom Tambi war mit dem Kopf zu nicken und einfach iiiirgendwas auszuprobieren, was er vielleicht anweisen wollte. Wenn es nicht richtig war, spürte man bald den Stock auf der Schulter und probierte einfach die nächste Möglichkeit aus. Es funktionierte.
Nach dem Umzug gings zum Restaurant „Der vierte König“ (die anderen 3 hatten alle schon was vor). Unsere hilfsbereiten Männer boten sich an, den Wagen hinauf zu schieben. Und ja, es war ein gutes Gefühl zu sehen, dass der Wagen auch bei ihnen nicht schöner, gerader und leichter fährt und sie mit den gleichen Problemen wie wir zu kämpfen hatten.


 
Nach dem Essen ging es ähnlich wie am Vortag weiter, wir lungerten in den Gassen herum und unsere Musiker Kollegen beglückten die Allgemeinheit mit ihrem Repertoire. In jeder freien Sekunde wurde ein Luz getrunken, so eine Fahr-bar ist schon Luzus!


 
Doch plötzlich kam der Moment wo uns das Heisswasser auszugehen drohte und so machten Susii und ich uns auf den Weg die drohende Katastrophe abzuwenden. In einem Asia Restaurant (wo sonst) war man so nett und kochte für uns noch etwa 10 Liter Wasser auf und so konnten wir wieder heissen Kaffee Luz anbieten. Doch schon bahnte sich das nächste Desaster an... auch der Zucker wurde immer rarer und diesmal waren es Beekay und ich, die den Super-Gau abzuwenden wussten. Für 5 Fr. konnten wir doch tatsächlich 1000 Stück Zucker kaufen.
Nach dem noch ein bisschen in den Strassen herumgeguggt und viel geluzt wurde, gab es auch an diesem Tag mal ein offizielles Ende und Martina durfte schlafen gehen :-). Das Wägeli wurde wieder deponiert. Es wurde immer schwieriger sich in dem Depot zu Recht zu finden, da es komischerweise immer weniger Strom gab. Langsam erhärtete sich der Verdacht, dass wir nicht ganz unschuldig an diesen sich vermehrenden Kurzschlüssen waren. Es hatte also doch nichts mit Japan zu tun!
Für Beekay war es der letzte Tag, deshalb ging sie auch nicht so „früh“ wie Susii und ich nach hause. Wir hatten immerhin schon eine Fasnacht hinter uns und noch einen seeehr langen Tag vor uns. So beschlossen wir uns auf die Suche nach einem Taxi zu machen, was sich als nicht einfache Aufgabe herausstellte. Da waren schon vereinzelte Taxis, aber die wollten uns alle nicht. Wir lungerten solange beim Taxi Stand herum, bis wir schon die nächsten Funbrassler antrafen, die sich auf den Heimweg machten. Viv verhalf uns zu einem Taxi, offenbar muss man hier dafür blonde Haare haben (das nächste Mal nehme ich einen Golden Retriever mit).

Mittwuch
Beekay gab es heute leider nicht mehr in weiss, und sie reiste noch vor dem Cortége ab . Susii und ich haben noch hin und her überlegt, ob wir den Luz-Wagen heute nochmals mitnehmen wollen oder nicht. Kuhl wäre es ja schon, aber zu zweit? Unsere Energie war langsam zu Ende und so beschlossen wir den Wagen stehen zu lassen. Bald bot sich uns eine rattenscharfe Wägeli-Alternative, es war ein Geschenk vom Himmel, oder sonst einem Einkaufsladen.





Wow was für ein neues Umzug-Gefühl mit diesem Wagen! Man konnte sogar Zettel verteilen und Wägeli stossen zugleich.




 
Am Mittwoch (quasi beim dritten Date) kam man sich dann auch endlich ein bisschen näher.
Abendessen gab es heute wieder im Phallus-Hotel. S Luz-Wägeli holten wir danach wieder zu uns und so gässleten und luzten wir wieder umher. Doch leider leider begann es zu regnen. Als wir alle feucht waren, stiegen wir ins nächst beste Loch. Also in einen Keller, wo wir schlussendlich relativ viel Zeit verbrachten...


 
Etwas lustlos begann ich dann ein bisschen herum zu zaubern. Damit wollte ich eigentlich in erster Linie mich selber unterhalten, aber die andern gönnten mir das nicht und schauten zu. Aber ich kann doch nicht, wenn jemand guckt!
Zeitlich näherten wir uns immer mehr dem Endstreich. Susii und ich durften uns noch je ein Stück wünschen zum Endstreich, Umbrella und „Da das Schöne“. Es war eine nahezu besinnliche Stimmung und langsam wurde einem bewusst, dass der Alltag der letzten 3 Tage so nicht weitergehen wird, dass es jetzt bald vorbei ist. Man gab sich gegenseitig 3 Küssli und bedankte sich bei einander für die schöne Fasnacht. Dann ging es wieder in unser erigiertes Hotel für das Frühstück. Wow was für ein Luxus-Frühstück, es war einfach alles da was man sich wünschen konnte. Und danach durfte Martina endlich schlafen gehen :-).
Jetzt wo ich beim Bericht schreiben beim Ende der drei Tagen angelangt bin, fühle ich wieder die Enttäuschung darüber, dass es vorbei ist. Die Basler Fasnacht kann man mit keiner anderen Vergleichen. Ich hatte auch so meine Vorurteile, doch wenn man einmal die ganzen 3 Tage mit dabei ist, beginnt man zu verstehen um was es geht... das Gefühl habe ich zumindest. Es hat mir gefallen. Ob es die schönsten 3 Tage waren? Von diesen 3 Tagen waren es auf jeden Fall die 3 aller-allerschönsten.

Schwöschter Mia