Schon den ganzen Tag waren Susii und ich am herumnervöseln...
- nur noch 4 Stunden
- immer noch 2 Stunden
- in 1,5 Stunden
- häää wieder 2 Stunden
- noch 2, 5 Stunden... hey moment!
- ahh noch 1 Stunde
- noch 30 Minuten

Die Zeit wollte an diesem Tag nicht vergehen. Aber irgendwann, gfühlte 3 Tage später, war der Tag tatsächlich beim Abend angekommen. Ich war super organisiert, so richtig mit Wegbeschreib, Reiseplan, Proviant und Schlafsack... Und so marschierte ich schlussendlich gegen 18.30 Uhr bei der Blinden Kuh ein... Plan noch immer vor der Nase, obwohl ich schon vor dem Gebäude stand.

Ich hielt ausschau nach Susii, weil ich (ungerechtfertigt) davon ausging, dass Dibi noch nicht da ist. Aber Dibi war da und Susii noch nicht. Und Dibi meinte schmunzelnd zu mir, dass ich nicht die Erste sei, die da mit dem Plan vor der Nase die Strasse herunterzuspazieren kam :-)
Bald war auch Susii da - inklusive neuer Frisur und Strähnchen.

Nach ein bisschen herumstehen durfte man rein und drinnen alles was man an und bei sich hat, verstauen. Daraufhin wurde man instruiert und das Menü wurde offenbart. Nachdem alles klar war, wurden alle Gäste, wirklich fast Person für Person ins Dunkle geführt, was viel Zeit beanspruchte. Irgendwann waren aber auch wir noch an der Reihe. Tisch 3.3 bei Elisabeth.

Zu dritt, in Bolonaise Stellung schlossen wir uns unserer Servierdüse Elisabeth an. Zuerst gelangten wir in einen Raum mit schummrigem Licht, um die Augen anzugewöhnen, wie es hiess. Als wir angewöhnt waren stiegen wir in die nächste Bolonaise, nächster Halt, Tisch 3.3. (Hier fallen gleich, die Löcher aus dem Käse...)

Es war dunkel. Elisabeth fasste meine Hand und führte sie an meinen Stuhl, dann fand ich mich selber zurecht. Susii zu meiner Linken und Dibi vis-a-vis von mir. Ich ertastete meinen Platz, da lag ein Tischsettli, kein Tischtuch, zwei Gabeln, zwei Messer, eine Serviette und ein Glas. Es war ein Holztisch, kein besonders Masiver. Ich tastete noch ein bisschen weiter... aha, da kommt Dibis Tischsettli... okey da beginnt Susii's Teil... oops, das war Susii's Hand.

Ja es war schon speziell, komisch, ungewohnt, aber nicht unangenehm. Anders als in einem normalen Restaurant stellte man sich den Tischnachbarn vor. Sinnvollerweise nummerierten wir zuerst durch... 1......2......3.....4.....5..... und Dibi: "Ja ich wär Nummer 6, aber wollen wir nicht die Namen nennen?". Auch klever. Caro..... Andrea..... weissichnichtmehr (er)...... weissichauchnichtmehr (sie)...... Fritz?...... Dibi.

Man gewöhnt sich an die Dunkelheit, an die Situation. Natürlich wurden am Anfang alle möglichen "Dunkel Witze" zum besten gegeben... aber die Zwischenrufe "Ich seh schwarz... ", "Hey ich gsehs nüm..." , "Due nöd immer schwarzmaale"... wurden immer weniger. Und die Gesprächsthemen werden zu den üblichen Gesprächsthemen und das Verhalten ist auch das übliche. Ich sah zwar nichts, zeigte trotzdem alles mit den Händen und nickte und schüttelte den Kopf und schaute rüber, wenn Dibi was sagte, drehte den Kopf zu Susii, wante mich dem Gesprächspartner zu.

Aber das Essen... ja das war eine herausforderung. Irgendwann war Elisabeth's Stimme an meinem rechten Ohr zu hören "Achtung vo rächts chunt jetzt en Täller, da häts 3 Apéro Gebäck druff, nämed sie eis und gäbed sis witer". Und man beeilte sich die Serviette noch schnell unter dem Teller wegzuziehen, zog die Hände an den Körper und versuchte sich vorzustellen was gerade geschah.

Irgendwann kam das Trinken und es wurde einem immer erklärt wo es steht, die Flasche hinter dem Glas. Ich hörte, dass sie schon eingeschenkt hatte. Doch unweigerlich kam irgendwann das nachschenken. Ja kein Problem. Finger ins Glas und wenn's kalt und nass wird einfach aufhören einschenken. Ist ja ganz lustig und klappt auch tip top... aber irgendwie geht das ja auch nur, wenn niemand zusieht... war ja der Fall, aber wie macht man das wenn man blind ist?

Beim Essen waren auch ständig meine Hände, möglicherweise auch andere, in meinem Teller. Man hat sonst keine Chance. Ich bin auch überzeugt, dass ich ein ovaler Teller hatte. Es wurde wie wild in den Tellern herumgestochert und immer wieder entteuschte Kommentare "Ohh... schon wieder eine leere Gabel". Das Avocado Mousse war nicht so mein Fall... aber ganz unangetastet konnte ich es ja doch nicht lassen - essen wollte ich es aber nicht, deshalb hinterliess ich einen Gruss in die Küche... ein Avocado "Hallo" - s' hat ja niemand gesehen... :-) Nimmt mich sowieso wunder, wie diese Teller zurückkamen, das muss ziemlich amüsant sein in der Küche :-)

Und mir geht langsam die Schreibmotivation aus, aber immer mehr Eindrücke kommen mir in den Sinn. Grundsätzlich muss es ja einfach jeder selber Mal ausprobieren und dieser Erfahrung machen. Raum- , Zeitgefühl und Gehör testen...

Aber das Highlight will ich ja nicht ganz ungeschrieben lassen. Wir waren ja grundsätzlich da um "Heinz de Specht" - angekündigt als schweizer Boyband - zu hören. Naja, ich gehe davon aus, dass sie wirklich da waren... und traue meinen Ohren. Auch wieder ein spezielles Erlebnis, eine Band an einem Konzert nur zu hören. Und sie waren gaaaaaaaaaaaaaaaaanz geil! Genial, abartig und mir fallen keine Adjektive mehr ein, aber auf alle Fälle auch sehenswert (nehm ich an). "Roman bisch parat" :-) Ja die Musiker sahen natürlich auch nichts und mussten in vollkommener Dunkelheit ihr Cello, ihre Gitarre, ihre Mandoline, ihren Text und auch ihr Klavier finden und spielen. Das muss man auch erst mal können. Mega Leistung!

Nach einem köstlichen Dessert, nach dem Konzert, verliessen wir die blinde Kuh auch wieder - wir liessen uns nach Draussen führen. Wieder in diesem Zwischenraum gewöhnten wir die Augen ans Licht.

Und das Licht war unangenehm, es tat weh, es brennte. Doch war ich froh, dass es da war.

Ein einmaliges Erlebnis!